Portrait von Ellen White
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Kapitel 42: Wahre Größe
Kapitel 42: Wahre Größe
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Auf den Gipfel weltlicher Ehren erhoben und vom inspirierten Wort sogar als ein „König der Könige“ (Hesekiel 26,7) anerkannt, schrieb Nebukadnezar dennoch zu bestimmten Zeiten den Ruhm seines Reiches und den Glanz seiner Herrschaft der Gunst des Herrn zu. So war es nach seinem Traum von dem großen Standbild gewesen. Dieses Gesicht hatte tief auf sein Denken eingewirkt, ebenso der Gedanke, dass das babylonische Reich, so umfassend es auch war, schließlich doch untergehen und dass andere Reiche herrschen sollten, bis zuletzt an die Stelle aller irdischen Mächte ein Reich träte, das der Gott des Himmels aufrichten und das niemals zerstört werden sollte. DKn.289.1 Teilen

In seinem späteren Leben verlor Nebukadnezar die hohe Vorstellung von Gottes Absicht für die Völker aus den Augen. Als jedoch sein stolzer Sinn vor der Menschenmenge in der Ebene Dura gedemütigt worden war, gab er wieder zu: Gottes „Reich ist ein ewiges Reich, und seine Herrschaft währet für und für“. Daniel 3,33. Obwohl er nach Herkunft und Erziehung ein Götzendiener war und an der Spitze eines abgöttischen Volkes stand, hatte er dennoch einen angeborenen Sinn für Recht und Gerechtigkeit. Gott konnte ihn daher als Werkzeug für die Bestrafung der Widerspenstigen und für die Erfüllung Seiner göttlichen Absicht benutzen. Nach Jahren geduldiger und mühevoller Anstrengungen gelang es Nebukadnezar und seinem Volk — „die Gewalttätigsten unter den Völkern“ (Hesekiel 28,7) —, Tyrus zu erobern. Auch Ägypten fiel seinen siegreichen Heeren als Beute zu. Und als er ein Volk nach dem andern dem babylonischen Reich hinzufügte, vermehrte er ständig seinen Ruhm als größter Herrscher seiner Zeit. DKn.289.2 Teilen

Es ist nicht verwunderlich, dass der erfolgreiche, so überaus ehrgeizige und stolze Monarch in Versuchung geriet, abzuweichen vom Pfad der Demut, der allein zu wahrer Größe führt. In den Zeiträumen zwischen seinen Eroberungskriegen widmete er der Befestigung und Verschönerung seiner Hauptstadt viel Aufmerksamkeit, bis die Stadt Babylon schließlich das Glanzstück seines Königreiches wurde, die goldene Stadt, „die in aller Welt Berühmte“. Jeremia 51,41. Seine Leidenschaft als Bauherr und sein außerordentlicher Erfolg beim Ausbau Babylons zu einem Weltwunder nährten seinen Stolz, bis er ernsthaft Gefahr lief, seinen Ruf als weiser Herrscher zu untergraben, den Gott auch weiterhin als Werkzeug für die Ausführung seines göttlichen Planes gebrauchen konnte. DKn.289.3 Teilen

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In seiner Güte schenkte Gott dem König einen weiteren Traum, um ihn vor seiner Gefährdung und vor der Schlinge zu warnen, die zu seinem Verderben ausgelegt worden war. In einer Vision zur Nachtzeit erblickte Nebukadnezar einen großen Baum, der mitten auf der Erde wuchs. Seine Spitze reichte bis an den Himmel, und seine Zweige erstreckten sich bis an die Enden der Erde. Schafe und Rinder von den Bergen und Hügeln erfreuten sich des Schutzes unter seinem Schatten, und die Vögel des Himmels bauten ihre Nester in seinen Zweigen. „Sein Laub war dicht und seine Frucht reichlich, und er gab Nahrung für alle ... und alles Fleisch nährte sich von ihm.“ Daniel 4,9. DKn.290.1 Teilen

Während der König auf den stolzen Baum starrte, sah er einen heiligen Wächter, der sich dem Baum näherte und mit lauter Stimme rief: „Haut den Baum um und schlagt ihm die Äste weg, streift ihm das Laub ab und zerstreut seine Frucht, dass die Tiere, die unter ihm liegen, weglaufen und die Vögel von seinen Zweigen fliehen. Doch lasst den Stock mit seinen Wurzeln in der Erde bleiben; er soll in eisernen und ehernen Ketten auf dem Felde im Grase und unter dem Tau des Himmels liegen und nass werden und soll sein Teil haben mit den Tieren am Gras auf der Erde. Und das menschliche Herz soll von ihm genommen und ein tierisches Herz ihm gegeben werden, und sieben Zeiten sollen über ihn hingehen. Dies ist im Rat der Wächter beschlossen und ist Gebot der Heiligen, damit die Lebenden erkennen, dass der Höchste Gewalt hat über die Königreiche der Menschen und sie geben kann, wem er will, und einen Niedrigen darüber setzen.“ Daniel 4,10-14. DKn.290.2 Teilen

Der König war von dem Traum, der offenbar Unglück ankündigte, so sehr beunruhigt, dass er ihn den Zeichendeutern, Weisen, Gelehrten und Wahrsagern erzählte. Daniel 4,4. Doch obwohl der Traum sehr deutlich war, konnte ihn keiner der weisen Männer deuten. DKn.290.3 Teilen

Noch einmal sollte dieser götzendienerischen Nation die Tatsache bezeugt werden, dass nur Menschen, die Gott fürchten und lieben, die Geheimnisse des himmlischen Reiches verstehen können. In seiner Ratlosigkeit ließ der König seinen Diener Daniel holen, einen wegen seiner Rechtschaffenheit, Beständigkeit und unübertroffenen Weisheit hochgeschätzten Mann. DKn.290.4 Teilen

Als Daniel, der königlichen Aufforderung nachkam und vor dem König stand, sagte Nebukadnezar: „Beltschazar, du Oberster unter den Zeichendeutern, von dem ich weiß, dass du den Geist der heiligen Götter hast und dir nichts verborgen ist, sage, was die Gesichte meines Traumes, die ich gesehen habe, bedeuten.“ Nachdem Nebukadnezar den Traum erzählt hatte, forderte er Daniel auf: „Sage, was er bedeutet. Denn alle Weisen in meinem Königreich können mir nicht kundtun, was er bedeutet; du aber kannst es, denn der Geist der heiligen Götter ist bei dir.“ Daniel 4,6.15. DKn.290.5 Teilen

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Daniel, der den Sinn des Traumes erfasste und von ihm erschreckt wurde, „war eine Zeitlang starr vor Entsetzen; seine Gedanken ängstigten ihn“. Der König, der Daniels Zögern und innere Not sah, fühlte mit seinem Diener und sagte: „Du brauchst dich über den Traum und seine Deutung nicht zu ängstigen.“ Doch Daniel erwiderte: „Mein Herr, ich wünschte mir, dass der Traum denen gilt, die dich hassen, und dass die Deutung deine Feinde betrifft.“ Daniel 4,16 (NL). Der Prophet erkannte, dass Gott ihm die schwere Aufgabe übertragen hatte, Nebukadnezar das Gericht zu offenbaren, das wegen seines Stolzes und seiner Anmaßung bald über ihn kommen sollte. Daniel musste den Traum in einer dem König verständlichen Sprache auslegen, obwohl dessen furchtbare Bedeutung ihn sprachlos gemacht und vor Bestürzung hatte zögern lassen, musste er doch die Wahrheit aussprechen, ganz gleich, was für Folgen sich für ihn ergäben. DKn.291.1 Teilen

Nun gab Daniel die Weisung des Allmächtigen bekannt: „Der Baum, den du gesehen hast, der groß und mächtig wurde und dessen Höhe an den Himmel reichte und der zu sehen war auf der ganzen Erde, dessen Laub dicht und dessen Frucht reichlich war, so dass er Nahrung für alle gab, unter dem die Tiere des Feldes wohnten und auf dessen Ästen die Vögel des Himmels saßen — das bist du, König, der du so groß und mächtig bist; denn deine Macht ist groß und reicht bis an den Himmel und deine Gewalt bis ans Ende der Erde. DKn.291.2 Teilen

Dass aber der König einen heiligen Wächter gesehen hat vom Himmel herabfahren, der sagte: ‚Haut den Baum um und zerstört ihn, doch den Stock mit seinen Wurzeln lasst in der Erde bleiben; er soll in eisernen und ehernen Ketten auf dem Felde im Grase und unter dem Tau des Himmels liegen und nass werden und mit den Tieren des Feldes zusammenleben, bis über ihn sieben Zeiten hingegangen sind‘, das, König, bedeutet — und zwar ergeht es als Ratschluss des Höchsten über meinen Herrn, den König — : man wird dich aus der Gemeinschaft der Menschen verstoßen, und du musst bei den Tieren des Feldes bleiben, und man wird dich Gras fressen lassen wie die Rinder, und du wirst unter dem Tau des Himmels liegen und nass werden, und sieben Zeiten werden über dich hingehen, bis du erkennst, dass der Höchste Gewalt hat über die Königreiche der Menschen und sie gibt, wem er will. Wenn aber gesagt wurde, man solle dennoch den Stock des Baumes mit seinen Wurzeln übrig lassen, das bedeutet: dein Königreich soll dir erhalten bleiben, sobald du erkannt hast, dass der Himmel die Gewalt hat.“ Daniel 4,17-23. DKn.291.3 Teilen

Nachdem Daniel den Traum gewissenhaft ausgelegt hatte, empfahl er dem stolzen Monarchen eindringlich Reue und Hinwendung zu Gott, um durch recht tun das drohende Unheil abzuwenden. „Mein König“, so bat der Prophet, „lass dir meinen Rat gefallen und mache dich los und ledig von deinen Sünden durch Gerechtigkeit und von deiner Missetat durch Wohltat an den Armen, so wird es dir lange wohlergehen.“ Daniel 4,24. DKn.291.4 Teilen

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Eine Zeitlang übten die Warnung und der Rat des Propheten einen starken Einfluss auf Nebukadnezar aus, aber die vom Heiligen Geist gewirkten Eindrücke lassen im Herzen, das nicht durch die Gnade Gottes umgewandelt wird, bald nach und verlieren sich. Genusssucht und Ehrgeiz waren aus dem Herzen des Königs noch nicht ausgerottet, und diese Charakterzüge traten später wieder hervor. Trotz der Belehrung, die ihm auf so gnädige Weise erteilt worden war, und trotz der Warnungen, die er in der Vergangenheit erhalten hatte, überließ sich Nebukadnezar doch wieder einem Geist der Eifersucht auf die Reiche, die später aufkommen sollten. Seine Herrschaft, die bisher weitgehend gerecht und barmherzig gewesen war, wurde nun tyrannisch. Indem er sein Herz verhärtete, gebrauchte er seine gottgegebenen Talente zur Selbstverherrlichung und erhob sich über den Gott, der ihm Leben und Macht verliehen hatte. DKn.292.1 Teilen

Monatelang zögerte sich das Urteil Gottes hinaus. Doch anstatt durch diese Langmut zur Umkehr geführt zu werden, gab sich der König seinem Stolz hin, bis er sein Vertrauen zur Deutung des Traumes verlor und über seine früheren Befürchtungen spottete. DKn.292.2 Teilen

Ein Jahr später, nachdem er die Warnung erhalten hatte, ging Nebukadnezar in seinem Palast umher und dachte mit Stolz an seine Macht als Herrscher und an seinen Erfolg als Erbauer. Dabei rief er aus: „Das ist das große Babel, das ich erbaut habe zur Königsstadt durch meine große Macht zu Ehren meiner Herrlichkeit.“ Daniel 4,27. DKn.292.3 Teilen

Während der König diese stolze Prahlerei noch aussprach, kündigte eine Stimme vom Himmel an, dass die von Gott bestimmte Zeit des Urteils um sei. Der Richterspruch Gottes drang an seine Ohren: „Dir, König Nebukadnezar, wird gesagt: Dein Königreich ist dir genommen, man wird dich aus der Gemeinschaft der Menschen verstoßen, und du sollst bei den Tieren des Feldes bleiben; Gras wird man dich fressen lassen wie die Rinder, und sieben Zeiten sollen hingehen, bis du erkennst, dass der Höchste Gewalt hat über die Königreiche der Menschen und sie gibt, wem er will.“ Daniel 4,28f. DKn.292.4 Teilen

In dem Moment wurde ihm die Vernunft, die Gott ihm geschenkt hatte, entzogen. Der Scharfsinn, den der König für vollendet hielt, die Klugheit, mit der er sich gebrüstet hatte, wurden ausgetilgt, und der einst so mächtige Herrscher war dem Wahnsinn verfallen. Seine Hand konnte das Zepter nicht länger führen. Er hatte Warnungsbotschaften unbeachtet gelassen. Nebukadnezar, nun der Macht beraubt, die sein Schöpfer ihm verliehen hatte und „aus der Gesellschaft der Menschen ausgestoßen, nährte sich vom Gras wie die Rinder, und sein Leib wurde vom Tau des Himmels benetzt, bis sein Haar so lang war wie Adlerfedern und seine Nägel wie Vogelkrallen“. Daniel 4,30 (Bruns). DKn.292.5 Teilen

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Sieben Jahre lang war Nebukadnezar ein Gespött all seiner Untertanen. Sieben Jahre lang wurde er vor aller Welt gedemütigt. Dann erhielt er seinen Verstand zurück. Demütig schaute er zum Gott des Himmels auf und erkannte die göttliche Hand in seiner Strafe. In einer öffentlichen Erklärung gestand er seine Schuld ein und bestätigte, dass es Gottes Gnade sei, die ihn wiederhergestellt habe. Er sagte: „Nach dieser Zeit hob ich, Nebukadnezar, meine Augen auf zum Himmel und mein Verstand kam mir wieder, und ich lobte den Höchsten. Ich pries und ehrte den, der ewig lebt, dessen Gewalt ewig ist und dessen Reich für und für währt, gegen den alle, die auf Erden wohnen, für nichts zu rechnen sind. Er macht‘s, wie er will, mit den Mächten im Himmel und mit denen, die auf Erden wohnen. Und niemand kann seiner Hand wehren noch zu ihm sagen: Was machst du? DKn.293.1 Teilen

Zur selben Zeit kehrte mein Verstand zu mir zurück, und meine Herrlichkeit und mein Glanz kamen wieder an mich zur Ehre meines Königreichs. Und meine Räte und Mächtigen suchten mich auf, und ich wurde wieder über mein Königreich eingesetzt und gewann noch größere Herrlichkeit.“ Daniel 4,31-33. DKn.293.2 Teilen

Der einst so stolze Monarch war ein demütiges Kind Gottes geworden, der tyrannische, anmaßende Herrscher ein weiser und barmherziger König. Er, der den Gott des Himmels herausgefordert und gelästert hatte, anerkannte nun die Macht des Höchsten und suchte die Gottesfurcht und das Glück seiner Untertanen zu fördern. Unter der Zurechtweisung dessen, der der König aller Könige und Herr aller Herren ist, hatte Nebukadnezar schließlich gelernt, was alle Herrscher lernen sollten: dass wahre Größe in wahrer Güte besteht. Er anerkannte den Herrn als den lebendigen Gott mit den Worten: „Darum lobe, ehre und preise ich, Nebukadnezar, den König des Himmels; denn all sein Tun ist Wahrheit, und seine Wege sind recht, und wer stolz ist, den kann er demütigen.“ Daniel 4,34. DKn.293.3 Teilen

Gottes Absicht, dass das mächtigste Reich der Welt sein Lob verkünden sollte, war nun erfüllt. Die öffentliche Erklärung, in der Nebukadnezar die Gnade, Güte und Herrschaft Gottes anerkannte, war die letzte Tat seines Lebens, die in der heiligen Geschichte überliefert worden ist. DKn.293.4 Teilen

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